Elia        Non-SF      Home

  Als Elia am Abend aufwachte, hörte er wie der Wind um die Häuser pfiff, der Regen aufs Dach prasselte, und er starrte in die Dunkelheit. Im Traum hatte er seine Eltern gesehen und gehört, wie sie sagten: "Lange genug waren wir auf dieser Welt." Dann gingen sie Hand in Hand in den hellen Tag. Und so war es gewesen. Ihre Haut hat sich vom Fleisch gelöst, dann das Fleisch von den Knochen, und sie zerfielen zu Staub, den der Wind zerstreute. Seine Eltern hatten ihn allein zurückgelassen.
  Benommen kroch er aus seinem Bett, ging zum Fenster. Widerwillig zog er den Vorhang zur Seite. Das Geräusch des Regens, der gegen die Scheiben schlug, unterbrochen vom Rauschen fahrender Autos, deren Scheinwerfer sich im nassen Asphalt spiegelten. Elia spürte die Unruhe in sich und ging in die Küche, kniete auf den Boden, lockerte eines der Bretter und holte das Heroin heraus. Dann nahm er eine Röhre mit Valium aus dem Küchenschrank und bereitete die Mischung zu.

  In Hamburg gingen die Lichter an. Menschen quollen aus Büros, überfluteten die Mönckebergstraße, stiegen in ihre Autos, drängten sich in Busse, Bahnen und Kneipen. Prostituierte bezogen am Steindamm Posten, suchten in Hauseingängen Schutz vor dem Unwetter, und ein junger Mann hastete durch den Regen. Seine Nervosität wuchs mit jedem Schritt. Elia lief die Kirchenallee entlang zum kleinen Park, der hinter dem Steindamm liegt. Im Licht der angrenzenden Straßen hatte der Rasen seine Farbe verloren. Jede Woche kamen Polizisten und räumten den Platz, dann waren sie wieder da: Pusher und Junkies. Bei jedem Wetter. Standen in Gruppen. Nichts verriet ihre innere Not. Doch Elia spürte den Hunger. In ihnen, in sich.

soweit die Leseprobe. Weiteres in der Anthologie 'Schlag 13' des BeJot-Verlages

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