Short Short Stories        Non-SF       Home

Vermaechtnis

  Karl sass am Esstisch und hatte die Rechenaufgabe vor sich liegen: Ein Pappkarton ist 48 cm breit, 24 cm hoch und 27 cm lang. Wieviel Milchkartons passen dort hinein, wenn jeder von ihnen 6 cm breit, 12 cm hoch und 9 cm lang ist?

(A)  12        (B)   18        (C)   20        (D)   24        (E)   48

  Karl sah sich die Aufgabe noch einmal an. Er schwitzte, obwohl die Balkontuer geoeffnet war. Mit dieser Aufgabe kam er nicht zurecht. Karin, die in der Klasse neben ihm sass, haette sie schon laengst geloest. Was war mit ihm los? Wieso konnte er das nicht?
  Er hoerte die Tagesschaufanfare und blickte zur Seite. Mutter und Vater sassen auf der Couch vor dem Fernseher. Vater schnarchte vor sich hin, seine Hand krampfte sich um die Bierflasche. Mutter loeste Kreuzwortraetsel.
  Karl versuchte sich zu konzentrieren. Woher sollte er nun wissen, wieviel von diesen bloeden Milchtueten in den Karton passten? Mit einem halben Ohr hoerte er die Tagesschau:
  "Studie an Zwillingen zeigt: Intelligenz ist teilweise angeboren."
  Er sah auf seinen schnarchenden Vater, seine Kreuzwortraetsel loesende Mutter. Noch ein paar Minuten, dann wuerde sie aufgeben und das Heft zur Seite legen. Und von ihnen hatte er seine Intelligenz geerbt. Ihm wurde schlecht. Er brauchte frische Luft. Karl stand auf und schleppte sich auf den Balkon und blickte auf die zehn Stockwerke tiefer liegende Strasse hinab.
  "Karl, Eintagsfliege mit 10 Buchstaben."
  "Drosophila, du bloede Kuh!,’’ dann knallte sein Koerper auf das Strassenpflaster.

Lisa

  Morgennebel naesst mein Gesicht, Aecker saeumen meinen Weg. Ein Traktor kommt brummend aus dem Dunst hervor, zieht eine Egge hinter sich. Moewen folgen und landen auf der frisch gebrochenen Krume.
  Aecker, soweit das Auge reicht. Ein paar Punkte unterbrechen ihre Monotonie, auf der anderen Seite des Weges. Grosse Voegel sind es, mit hell- und dunkelgrauen Federn. Langsam schwebt ein Fischreiher ueber die Kraehen hinweg, auf dem Wege zum Kanal, der mich ein paar Meter weiter durch die Nebellandschaft begleiten wird.
  Vor mir, am Graben, im Nebel, ragt ein einsamer Soldat hervor, eine robuste Weide, die Wache haelt. Gertengleiche Aeste kruemmen sich aus ihrem Stamm. Wer alles ist schon an ihr vorbeigegangen? Auch Lisa schon, die sich auf den weiten Weg gemacht, mir ein Stueck entgegenzugehen. Ich spaehe nach ihrem Mantel aus. Grau ist er, grau wie der Nebel, kompakter in der Konsistenz. So muss ich ihn erkennen koennen. Da ist sie! Ich bin enttaeuscht. Ein Fahrrad quietscht an mir vorbei.
  "Guten Morgen, Frau Mueller."
  "Guten Morgen."
  Sie radelt bei jedem Wind und Wetter. Jetzt hat sie ihren Schal vor dem Mund, die grauen Haare unter einem Kopftuch versteckt.
 
Ich denke an Lisa und gehe weiter.

An der Theke

   Ihre Hand spielte mit dem Bierglas, als sie ihn aus halbgeschlossenen Augen ansah.
  "Du, bilde mal einen Satz mit Kanon."
  Wow, dachte er. Bilde. Höhere Schulbildung, und besser, als wenn sie gesagt hätte: Mach mal nen Satz.
  "Weiss ich nicht," meinte er und starrte auf den Mann hinter der Bar. "Sag mal."
  "Kanonedichnichtsein." Sie lachte, und er sah, wie ihr Pullover hüpfte, mit allem, was darunter war. Er grinste, stellte sich vor, wie er vor Lachen auf ihren Rücken schlug, ihr Gebiss am Barmann vorbei gegen den Spiegel zischte und zwischen den Gläsern landete. Doch nee, so alt war sie nun auch wieder nicht. Er drehte sich zu ihr. Sie war noch ganz gut in Schuss, und, es steckte Leben in ihr.
  "Weiss nicht," sagte er später. "Vom Kanon halte ich nicht viel. Da fängt immer einer eher an und hört früher auf."
  "Du hast Recht. Duett ist besser." Sie legte eine Hand auf seinen Schenkel.
  Hallo, dachte er, da ist auch Leben in mir und sah an sich hinab. Der Bierbauch war im Weg.
  "Wie ist es," fragte er und kletterte vom Hocker. "Wollen wir singen?"
  "Zu mir oder zu dir?" antwortete sie, als sie zum Ausgang schwankten.

Auf Null zurück

 Hans atmete tief, schlenkerte mit den Armen und vertrat sich auf dem Rastplatz die Beine. Kalte Luft füllte seine Lungen. Schnee lag auf Weg und Rasen. Riesige Laster standen wie Legosteine aufgereiht auf dem anderen Parkplatz. Hinter ihnen röteten sich die Gipfel der Rocky Mountains unter der Sonne.
  Colorado. So weit waren sie bisher mit ihrem Camper, in dem Shirley, seine Frau herumräumte, noch nie gekommen. Hans schlug mit Armen und Händen gegen seine Brust. Ihm wurde trotzdem kalt. Er hätte seine Jacke mitnehmen sollen, und er ging zum Camper zurück. Der fuhr plötzlich los. Etwas flog aus seinem Fenster in den Schnee. Hans stand da wie vom Blitz getroffen, rief und brüllte den Namen seiner Frau, dann lief er hinter dem Camper her, bis dieser auf der Highway verschwand. Dort stand Hans. Er begriff nicht, was in Shirley gefahren war. Jeans und Flanellhemd schlotterten um seine hagere Gestalt. Benommen stapfte er zurück, auf einen dunklen Fleck im Schnee zu. Es war seine Waschtasche, die aus dem Fenster geflogen war. Mit klammen Fingern zog er am Reiβverschluss, sah Zahnbürste, Seife, Rasierzeug und einen Zettel.
  "Dreckiger Bastard! Hätte ich nicht zufällig zu Hause ein Gespräch angenommen, wüsste ich nicht, dass du in Deutschland eine Frau hast. Ich lasse unsere Ehe ungültig erklären, nehme den Camper und übergebe deine Klamotten der Altkleidersammlung. Lass dich nicht mehr zu Hause blicken."
  Mist aber auch, dachte Hans. Seine Kreditkarten steckten in der Jacke. Die Jacke war im Camper. Wie hatte Anna bloβ seine Telefonnummer rausbekommen? Und seinen Job in Shirleys Blumengroβhandel konnte er abschreiben. Verloren stand er auf dem schneebedeckten Parkplatz, sah hinüber zu den Trucks, zur Toilette, dem Cola Automaten davor, zum Telefon. Er kramte in seinen Hosentaschen, holte ein paar Münzen hervor, die mit hohlem Klang in den Apparat schepperten. International Call.
  "Hallo Anna, mein Schatz! Ich bins, dein Hans." Hundegebell hatte er noch nie ausstehen können. Die Stimme seiner Frau klang so ähnlich, dann klackte es. Hans sah wieder zu den Lastern hinüber.
  “Ich steck in der Scheiβe.” Die Highway lief wie ein silbernes Band den Bergen entgegen. “Meine Frau ist mit unserem Camper abgehauen.”
  Hans blickte auf den Fahrer. Grinste der? Er konnte nichts erkennen. Dessen Bart war im Weg. Der Laster fraβ die Meilen. Die Berge rückten immer näher. Der Mann neben ihm schob sich einen Kaugummi in den Mund und betätigte das Horn.
  "Einen starken Rig hast du hier." Das hörte sich komisch an. Hans wusste, Groβlaster wie dieser Freightliner wurden Rig genannt. Aber ‘starker Rig’? Man sagte auch Eighteenwheeler. Achtzehnrädriger. Bei ihren Doppelreifen zählte jedes Rad einzeln. ‘Starker Eighteenwheeler’ klang noch bescheuerter. Sie näherten sich Colorado Springs.
  "Lass mich bei der Ausfahrt raus," sagte Hans. "Eine Stadt ist so gut wie jede andere."
  Es zischte, als der Laster auf der Notspur hielt. Hans kletterte aus der Kabine. Frierend stand er mit seiner Waschtasche am Straβenrand, während der Truck im gleiβenden Licht der Sonne verschwand.
  Jetzt brauch ich nen Wagen, der mich in die Stadt mitnimmt, dachte er, stampfte mit den Füβen und blies in die Hände. Und dann brauch ich nen Job und Vorschuss, damit ich mir Klamotten zum Wechseln kaufen und in irgendnem Motel übernachten kann. Und dann brauch ich ne Frau. Verdammt kalt hier. Und dann …

 

Jetzt ist er da... 


  Die Frau öffnete die Tür und sah zwei trübe Augen in einem teigigen Gesicht.
  "Gestatten Sie, Frau Klingenberg, Hermann ist mein Name. Ich bin hier, um Erna abzuholen." Hermanns linkes Augenlid zuckte. Nervös trat er von einem Bein auf's andere. Frau Klingenberg wischte ihre Hände an der Schürze ab.
  "Kommen Sie doch herein. Hermann, ist das Ihr Vor- oder Ihr Nachname?"
  "Beides." Sie standen im Flur und sahen sich einen Moment an. 
  "Erna!", rief Frau Klingenberg. "Herr Herrmann Hermann ist hier." Der Korridor besaß zwei andere Türen, zwischen denen eine Anrichte stand. Durch eine von ihnen drang Ernas Stimme. "jetzt .... da, nun .... weg." Hermann und Frau Klingenberg sahen sich an. "Jetzt ... da, nun ... weg."
  "Was sagt sie da?"
  "Sagt sie denn was?" Frau Klingenberg hielt die Hand an das Ohr. "Manchmal höre ich nicht mehr so gut. Ja, was sagt sie denn?"
  Hermann presste sein Ohr an die Tür und horchte, dann wandte er sich um. "Sie sagt jetzt ist er da, nun ist er weg."
Ernas Mutter schlug sich die Hand an die Stirn. "Um Himmelswillen! Geht das schon wieder los!"
  "Was denn?", rief Hermann. Dieses "jetzt ... da, nun ... weg, jetzt ... da, nun ... weg." Ihm war, als höre er eine Schellackplatte mit einem Sprung.
  "Wenn ich hinein gehe, weiß ich nicht, ob ich in den nächsten Stunden wieder heraus komme."
  "Sollte ich an Ihrer Stelle..." "Bloß nicht", unterbrach ihn die Frau. "Kommen Sie später noch mal, wenn der Anfall..." Die Frau sah verlegen zu Boden, dann gab sie sich einen Ruck.
  "Ich mach's." Frau Klingenberg verschwand im Zimmer ihrer Tochter. 
  "Frau Klingenberg!" Sie kam nicht mehr. "Jetzt ist er da, nun ist er weg." Sie sprachen es im Duett. Herrmann blieb unschlüssig im Flur, als sich ein Schlüssel in der Wohnungstür drehte. Ein stämmiger, schnurrbärtiger Mann kam herein und rief: "Wer sind denn Sie?"
  "Hermann Hermann", sagte Hermann. 
  "Herr Hermann Hermann? Was stehen Sie denn hier herum? Sind Sie der Mann, den meine Tochter angekündigt hat?"
  "Ich wollte Erna abholen, doch sie kommt nicht aus ihrem Zimmer." Hermanns Augenlider flatterten. "Und dann ging Ihre Frau, um sie zu holen. Doch die kommt auch nicht mehr."
"Seien Sie mal still. Was sagen die?" "Jetzt ist er da, nun ist er weg. Jetzt ist er da, nun ist er weg..." 
Herr Klingenbergs Blick huschte über Hermann hinweg und heftete sich auf die Tür.
  "Hermann." Klingenberg legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Hermann, ich darf Sie doch so nennen. Es ist mir unangenehm, dass Sie einen Teil meiner Familie in diesem Zustand erleben. Ich gehe jetzt hinein." Klingenberg drehte sich um. "Vielleicht sollten Sie ein anderes Mal wieder kommen." Dann war Hermann wieder allein.

  Klingenbergs Bass überlagerte die Stimmen der beiden Frauen, und Hermann fragte sich: Was war denn nun da und war dann weg? 
  "Vielleicht ist es nur unsichtbar!", brüllte Hermann durch die Tür. Er legte die Hand an die Türklinke, dann zögerte er. Was auch immer es war, war es nicht ansteckend? Behutsam legte er den Blumenstrauß auf die Anrichte und ging auf die Straße, sah noch einmal zur Wohnung hoch. 

  Die drei drückten ihre runden Gesichter am Fenster platt, dann gaben sie sich einen High Five und Erna plumpste auf die Couch.
  "Ich konnte den Kerl nicht ausstehen." 
  "Erst war er da", sagte die Mutter. Der Vater griente. "Nun ist er weg." 

Non-SF    Home