Villa Hammerstein        Non-SF       Home

  Die Strasse mündete in einen Waldweg. Dies war nicht die Straße nach Kochendorf. Dichtes Laub hielt das Licht vom Boden fern. Ich schaltete das Abblendlicht ein und starrte mit zusammengekniffenen Augen durch die Scheiben. Keine Schneise, an der ich hätte wenden können. Sollte ich rückwärts fahren? Der Wagen fuhr weiter, und es wurde heller, als der Wald in einen Park überging. Lebensgroße Statuen aus Stein umsäumten die Einfahrt. Dann sah ich eine Villa und hielt das Fahrzeug an. Ich stieg aus und legte den Kopf zurück. Wie alt war das Haus? Daneben ein flacher Bau. Für das Personal? Warum hatte ich noch nie von diesem Anwesen gehört? Die Mauern der Villa waren mit Efeu überzogen, dessen dunkles Grün Erker den Augen verbarg. Erker, die sich nicht in die rigide gotische Architektur einfügen wollten. Ich hörte Klänge eines Cembalos, den Gesang einer Frau. Aus einem hohen Fenster drang gedämpftes Licht. Es wurde still. Eine Tür knarrte. Im Eingang der Villa sah ich den Schatten einer weiblichen Gestalt. Sie stand da, ohne sich zu bewegen. Dann rief sie: "Kommen Sie schon. Es wird kalt."
  "Ich stieg die Stufen zu ihr empor. Die Frau hatte mir den Rücken zugewandt und ging ins Haus zurück. Dann drehte sie sich zu mir.
  "Schließen Sie die Tür." Ich folgte ihr in einen Salon. Eher ein kleines Theater, dachte ich. Stühle standen in Reih und Glied, warteten auf Zuschauer. Ich sah ein Podium und ein Cembalo. An den Wänden standen Öfen, die genügend Wärme abgaben, dass ich meinen Mantel aufknöpfte.
  "Entschuldigen Sie die Störung, ich heiße Monika Hammerstein, möchte nach Kochendorf und bin vom Wege abgekommen." Die Frau rückte zwei Stühle an einen der Öfen heran.
  "Setzen Sie sich. Ich habe selten Gäste hier." Wir sahen uns an.
  "Was ist mit dem Cembalospieler?", fragte ich. "Haben Sie gesungen?" Die Frau nickte.
  "So eine schöne Stimme", fügte ich hinzu. Die Frau lächelte. "Oft hat man es mir gesagt, doch ich höre es heute genau so gern wie damals. Ich bin die Liesel", und sie gab mir die Hand.
  

soweit die Leseprobe. Weiteres in der Anthologie 'Schlag 13' des BeJot-Verlages

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